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holyEATS #27: Foodora sagt leise Servus, Caviar kennzeichnet „gesundes“ Bestellessen, Vapiano wird bescheiden

21. Februar 2019

DELIVERY I

Bye-bye, Magenta: Die reinen Delivery-Logistiker sterben aus

Nachdem im europäischen Markt für Lieferessen in den vergangenen Jahren wie besinnungslos in den Aufbau neuer Marken und Märkte investiert wurde, hat inzwischen die Phase der Aufräumarbeiten begonnen. Denen fällt nun – nach und nach – einer der Digital-Pioniere der Branche zum Opfer. Sag zum Abschied leise Magenta, Foodora.

Nachdem sich Eigentümer Delivery Hero mit der Marke im vergangenen Jahr bereits aus mehreren europäischen Ländern zurückgezogen und der letzte verbliebene Gründer das Unternehmen verlassen hatte („einfach nicht so mein Ding“), steht seit dem Übernahme-Deal mit Takeaway.com (siehe holyEATS #23) fest, dass die Kuriere bald auch in der Gründungsheimat unter neuer Flagge weiterradeln sollen. (Auf die Frage von „NGIN Food“, ob sich Foodora aus weiteren Märkten verabschieden werde, hatte Neu-CEO Michael Hagenau kurz zuvor noch geantwortet: „Nein.“) Zeitgleich steht Foodora nun auch der Abschied in Österreich bevor, meldete der „Standard“ in dieser Woche. Die 600 Fahrer waren bislang ausschließlich in Wien unterwegs. Sie sollen künftig die grünen Uniformen von Mjam tragen, das ebenfalls zu Delivery Hero gehört und seit dem Vorjahr ebenfalls eigene Kuriere Bestellessen ausfahren lässt (bislang laut „Standard“ in Graz, Innsbruck, Klagenfurt und Salzburg).

Ganz ähnlich also wie Takeaway.com. Gerade haben die Niederländer bekannt gegeben, zum Ende des vergangenen Jahres 4.200 Fahrer in seiner Scoober-Flotte zu beschäftigen; diese Zahl wird mit der Foodora-Deutschland-Übernahme, die Anfang April abgeschlossen sein soll, noch einmal deutlich wachsen. (Zuletzt war von 2.000 deutschen Foodora-Ridern die Rede, wahlweise „rund“ oder „knapp“, brandaktuell ist die Zahl aber nicht.) Bislang werden laut Takeaway.com zwar erst 3 Prozent der Lieferungen von eigenen Kurieren zugestellt (nach 1,4 Prozent in 2017, PDF). Aber auch das dürfte sich schnell ändern, wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt, der aus den klassischen Vermittlerplattformen vollintegrierte Dienstleister mit eigener Lieferlogistik werden lässt.

Im Umkehrschluss geht es den separaten Delivery-Logistikern, einst explizit als Dienstleister für Restaurants ohne eigenen Lieferservice gestartet, an den Kragen. Marken, die sich langfristig im europäischen Markt etablieren wollen, müssen künftig alle Services unter einem Banner anbieten können. Deliveroo hat sein ursprüngliches Geschäftsmodell 2018 bereits länderübergreifend mit der reinen Bestellvermittlung von Partnern ergänzt, die für die Mahlzeitenzustellung nicht auf die Flotte in türkis angewiesen sind, und dadurch zahlreiche neue Restaurants auf seine Plattform geholt (siehe holyEATS #10).

Und die nächsten Umsortierungen kündigen sich schon an. Zwei Jahre nach dem Start wird sich UberEats Anfang März aus Wien zurückziehen, weil man „leider nicht so stark gewachsen“ sei wie erwartet. (Konkurrent Mjam hat bereits Interesse an einer Übernahme der Fahrer angemeldet.) Und dass die neuen besten Freunde, Takeaway.com und Delivery Hero, ihre beiden österreichischen Lieferplattformen – Mjam und Lieferservice.at – auf Dauer parallel zueinander betreiben werden, ist aus heutiger Sicht ebenfalls arg unwahrscheinlich.

Derweil wird die Konsolidierung im Markt u.a. auf den Berliner Straßen auch farblich sichtbar. Immer häufiger sind Essenskuriere in orangefarbener Lieferando-Uniform unterwegs; das noch vor wenigen Monaten dominierende Magenta hat deutlich nachgelassen. Kein Wunder, die Werbeschlacht um Neukunden bestreitet Lieferando inzwischen weitgehend mit sich alleine und klebt dafür an jede Fläche und jedes Toilettenhäuschen, das nicht bei drei auf den Bäumen ist, Plakate seiner „Zeit für Lieferando.de“-Kampagne.

Foodora sucht im Netz zwar weiterhin neue Rider („Bewirb dich“). Aber wenn selbst zu nicht gerade bestellkritischen Zeiten wie dienstagnachmittags auf der Website der Hinweis erscheint, man sei „aufgrund der hohen Nachfrage (…) momentan ausgelastet“, scheint die Flotte bereits deutlich ausgedünnt worden zu sein. Laut Website bleiben Foodora noch die Länder: Kanada, Finnland, Norwegen, Schweden – vorübergehend. (Australien ist noch in der Karte eingezeichnet, aber seit August dicht.)


DELIVERY II

Caviar lockt Kunden mit „Healthy enough“-Bestellauswahl

In den USA ist der Kampf der konkurrierenden Essenslieferdienste noch lange nicht entschieden; dafür machen sich die dortigen Herausforderer schon mal Gedanken, wie sie ihre Kunden nach der teuren Gutscheinanfütterung langfristig halten können, wenn die Bequemlichkeitsargumentation ausgeschöpft ist. Caviar, laut „Quartz“ aktuelle Nummer 4 im (amerikanischen) Markt, versucht’s über einen fast schon klassischen Trick: Tipps für gesünderes Bestellessen.

Dafür hat das Start-up drei Ernährungswissenschaftlerinnen engagiert, die auf der Plattform Restaurants empfehlen, bei denen Kunden kein schlechtes Gewissen zu haben brauchen, wenn sie (schon wieder) ihr Lunch dort ordern. In der Rubrik „Healthy enough“ erscheinen „Orte, die unsere Ernährungswissenschaftler lieben“, und wer da nicht bedenkenlos zuschlägt, dem kann auch nicht mehr geholfen werden.

Damit das auch wirklich funktioniert, empfiehlt es sich allerdings, nicht so genau die Regeln zu studieren, die Restaurants einhalten müssen, um das inoffizielle Gesundheits-Gütesiegel zu erhalten: Auf der Karte müssen vegeteraische Gerichte stehen, ein glutenfreies Angebot wäre wünschenswert, es sollen „hochwertige“ Produkte zum Einsatz kommen (was auch immer das bedeutet), und bereits wenn zwei der angebotenen Gerichte diese mehr als schwammigen Voraussetzungen erfüllen, ist der Laden aus Sicht des Caviar-Teams „Healthy enough“. Damit entlarvt sich die Aktion zwar als reiner Marketing-Gag; aber das bedeutet ja nicht, dass der bei der Zielgruppe, die sich angesprochen fühlen möchte, nicht trotzdem funktioniert.


KETTEN

Vapiano stürzt ab und will Pastatraditionalisten zurückholen

„Vapiano stellt alles auf den Prüfstand“ (n-tv), „Vapiano sagt weltweite Expansion ab“ („Handelsblatt“), „Kurssturz bei Vapiano“ („WiWo“): Läuft nicht gut gerade für Deutschlands ehemals meistgehypten Systemgastronomieanbieter. Zumindest lesen sich die Schlagzeilen ähnlich dramatisch wie die Zahlen, die die Fast-Casual-Restaurantkette fürs vergangene Geschäftsjahr in Aussicht gestellt hat. Statt den anfänglich prognostizierten 390 bis 420 Millionen Euro Umsatz sind es am Ende (nach zwei Korrekturrunden) 370 Millionen geworden; der Gewinn stieg nicht wie geplant auf 48 bis 54 Millionen Euro, sondern wird zwischen 29 und 31 Millionen liegen.

Bescheidenheit war bislang nicht gerade die Stärke des Managements. Im Gespräch mit der „FAZ“ räumt der Ende des vergangenen Jahres ins Amt katapultierte Neu-CEO Cornelius Everke nun aber ein: „Wir haben uns verzettelt in unserer schnellen Expansion. Das Tempo war zu hoch.“ Das hätte man (nicht nur) in Köln auch früher ahnen können; wahrscheinlich war’s aber zu verlockend, die von Ex-Vorstandschef Jochen Halfmann den Journalisten noch bis weit ins vergangene Jahr hinein erzählte Erfolgsstory selbst zu glauben.

„Die Ambitionen rund um Pasta und Pizza waren zu groß“, kommentiert die „FAZ“ in dieser Woche dazu; die Expansion sei „zu schnell und überhastet angegangen“ worden, die eigenen Ziele hätten die Kette „in jeder Hinsicht überfordert“. Wie sehr sich der „Ehrgeiz des früheren Managements über den Globus erstreckte“, sei bemerkenswert. Ähnlich bemerkenswert vielleicht wie die Tatsache, dass dieselbe Autorin ihre Bedenken nicht schon vor acht Monaten anmelden wollte, als sie nach einem Gespräch mit dem damaligen Management dessen Expansionsmärchen bereitwillig in ein großes Unternehmensporträt im Wirtschaftsteil hineinreferierte, ohne auch nur ansatzweise auf die Schwachpunkte des Geschäftsmodells einzugehen, die zum damaligen Zeitpunkt bereits überdeutlich waren (siehe holyEATS #9).

Die Maßnahmen, mit denen der neue Chef gegensteuern will, werden von den meisten Medien nun ebenfalls nicht weiter hinterfragt: Konzentration auf den europäischen Markt, keine neuen Investitionen mehr im übrigen Ausland, erfolglose Restaurants sollen von Franchise-Partnern hochgepäppelt oder dicht gemacht werden. Außerdem will Everke die Abläufe in den Restaurants vereinfachen, damit Gäste weniger Schlange stehen müssen. Eine Konzentration auf Menü-„Klassiker“ und die Reduzierung der Karte soll’s richten. „Klingt (…) einleuchtend“, findet die „FAZ“.

Wirklich? Everkes Ankündigung ist das Gegenteil von dem, was die Restaurantkette seit Monaten mit ihren wechselnden Aktionen praktiziert, um Kunden mehr Vielfalt zu bieten. Gerade mal einen Monat ist es her, dass Vapiano massig neue Aktionsgerichte auf die Speisekarte setzte, mit denen die Kölner „die Wissenschaft der Aromenkombination“ feiern wollen: Pasta mit Thunfisch-Pak-Choi und Ingwer-Apfel oder Roquefort-Feige und Kaffee-Orange; Risotto mit Maracuja-Garnelen und weiße Schokolade-Sternanis; Pizza mit Bohnen-Chorizo und Majoran-Kartoffeln. „Jetzt wird’s außergewöhnlich“, verspricht die Kette – und kurz danach kündigt die Chefetage die 180-Grad-Wende an.

Man kann ja durchaus zu dem Schluss kommen, dass besagte „Foodpairing-Specials“ ein bisschen viel Geschmacksabenteuer für deutsche Pastatraditionalisten sind, die doch einfach nur Spaghetti Carbonara oder Pizza Hawaii bestellen wollen. Aber wenn das Menü künftig tatsächlich aufs Wesentliche reduziert werden soll, muss Everke auch erklären, wie er damit noch neue Kunden anlocken will, um die (weiterhin angestrebte) Expansion zu schaffen. Hat er in dem Trubel ganz vergessen? Ach was.


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Nachschlag

  • Die Hotelkette MotelOne versorgt ihre frühstückenden Kunden ab sofort beim „urbanBio Breakfast“ mehrheitlich mit Produkten bekannter Bio-Marken; dass sich damit auch der Preis von 9,50 Euro auf 11,50 Euro erhöht, sagt man lieber nicht so laut dazu. (MotelOne, AHGZ)
  • Fleischfreies Steak, das so schmeckt wie das Original? Kriegen wir als nächstes hin, verspricht Burger-Innovator Impossible Foods. (The Spoon)
  • Der britische Restaurantketten-Inder Dishoom hat ausgetüftelt, welche Gerichte im Falle eines No-Deal-Brexits von der Speisekarte fliegen müssen, weil die dafür benötigte Importware zu lange im Zoll festhängt. (Courier)

Titelfoto: Foodora