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holyEATS #30: Brewdog macht Berlin zum europäischen Craft-Beer-Hub, Coffee Fellows traut sich Foodcourt, Digitalburger bei McDonald’s

10. April 2019

KETTEN

In letzter Minute: Brewdog rettet sich vor dem Brexit nach Berlin

Mit einer Mischung aus Trauer, Frustration und Wut auf den Berliner Bauschlendrian hat sich Greg Koch in dieser Woche per Blogpost von seinem Brauereitraum am Rande der deutschen Hauptstadt verabschiedet. Zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung eines ehemaligen Gaswerks in Berlin-Mariendorf als Schankhalle mit angeschlossenem Craft-Beer-Garden gibt der amerikanische Stone-Brewing-Gründer auf: „Die Kosten für Umbau und Unterhalt nach unseren Vorstellungen haben es uns nicht ermöglicht, den Betrieb langsam wachsen zu lassen. Manchmal muss man einsehen, wenn ein Traum zur Gefahr für das große Ganze wird.“

Zum 1. Mai übergibt Koch den Standort an die befreundete Konkurrenz der schottischen Craft-Beer-Brauer von Brewdog, die angekündigt haben, nach einer kurzen Umbauphase neu eröffnen zu wollen – vermutlich mit einem sehr viel reduzierteren Ansatz als Stone, das den zusätzlichen Ehrgeiz hatte, zum IPA auch eine hochwertige regionale Küche anzubieten.

Abgesehen von dem von Koch beschriebenen (aus Berliner Sicht unbedingt glaubwürdigen) Ärger mit hiesigen Baufirmen dürfte auch die Lage des Biertraums erheblich dazu beigetragen haben, dass die „Stone Brewing World & Bistro Gardens“ nicht so schnell zum Erfolg wurden, wie das nötig gewesen wäre. Um abends mal eben ein, zwei Ale zu trinken, war die Anlage wegen der umständlichen Anreise jedenfalls kaum geeignet, „der nächste S-Bahnhof ist zu Fuß gut 20 Minuten entfernt“, erinnert der „Tagesspiegel“.

Warum die Schotten glauben, es dort besser machen zu können? Ganz einfach: weil sie müssen. In erster Linie ist die Brauerei-Übernahme in Berlin nämlich der Ausweg aus dem (derzeit ja noch immer nicht abgewendeten) Brexit-Chaos. Das 2007 von James Watt und Martin Dickie gegründete Brewdog verfügt nach fünf Crowdfunding-Runden und dem Verkauf von Anteilen an einen amerikanischen Private-Equity-Investor zwar inzwischen über eine zweite Brauerei im amerikanischen Columbus (Ohio) und plant weitere Anlagen in Australien und China. Der europäische Markt wird bislang allerdings komplett vom Stammsitz in Schottland aus versorgt, wo über zehn Biersorten aus den Braukesseln kommen. Obwohl inzwischen bei jedem Blinzeln in Großbritannien ein neues Brewdog-Pub die Pforten aufsperrt, verkaufen Watt und Dickie ein Drittel ihres Volumens aber auf dem europäischen Festland. Im Falle eines harten Brexit hätten die zu befürchtenden Lieferverzögerungen in Bars von Helsinki bis Barcelona dazu geführt, dass Craft-Beer-Fans auf dem Trockenen sitzen.

Wie Bloomberg kürzlich berichtete, überlegten die Gründer deshalb, Kapazitäten bei anderen europäischen Brauereien zuzukaufen – oder Punk IPA, Dead Pony Club und Lost Lager sogar von Columbus nach Europa zu liefern. Durch die Übernahme in Berlin ist das nicht mehr notwendig und das Brexit-Problem quasi gelöst. (Wenigstens für Brewdog.) Die Kapazität der Produktion in Mariendorf liegt bei stattlichen 100 Hektolitern. Vordenker Koch hat freundlicherweise dafür gesorgt, dass zudem in Dosen und Flaschen abgefüllt werden kann. Eine eigene Produktionslinie mit 10 Hektolitern wollen die neuen Eigentümer unter dem Namen „Berlin Craft Collective“ lokalen Brauern zur Verfügung stellen, die ihre Biere anschließend in Brewdog-Pubs anbieten können.

Von denen gibt es außerhalb Großbritanniens und den USA derzeit 21. In Deutschland ist Brewdog bislang nur mit einer Bar in Berlin-Mitte vertreten, in Kürze kommt der erste Hamburger Standort hinzu. Von dem noch Ende des vergangenen Jahres für Juni 2019 angekündigten zweiten Berliner Pub am Kurfürstendamm ist in der „Coming Soon“-Übersicht auf der Website inzwischen aber keine Rede mehr. Das mag am überraschenden Brauereierwerb liegen. Es lässt sich aber womöglich auch als Bestätigung der Erkenntnis von Stone-Brewing-Gründer Koch lesen: Der meint, die deutsche Craft-Beer-Szene wachse zwar langsam – aber eben mit Betonung auf langsam: „die meisten Deutschen (…) kaufen weiter den billigen Kram“.

Anders gesagt: Berlin mag künftig Brewdogs (semi)zentraler Craft-Beer-Hub auf dem europäischen Festland sein; ein Großteil der dort gebrauten Biere – inklusive denen des neuen Brauftraggebers Stone Brewing – dürfte allerdings in Göteborg, Tallinn und Budapest getrunken werden. Dass das ehemalige Gaswerk im bisherigen Umfang als als Bier-Event-Location erhalten bleibt, ist auch deshalb eher unwahrscheinlich.


COFFEESHOPS

Coffee Fellows wird zum Foodcourt-Betreiber

Wenn wir gerade schon in Berlin sind: Die Unterföhringer Franchise-Kette Coffee Fellows wirft sich nach der Kaffeehoteleröffnung in Düsseldorf ins nächste Abenteuer und wird Anfang 2020 erstmals Foodcourt-Betreiber. Die Berliner Baufirma CA Immo hat angekündigt, die Erdgeschossfläche ihres „Cube“ getauften Neubaus auf dem Berliner Washingtonplatz (direkt am Hauptbahnhof) komplett an das Unternehmen von Gründer Stefan Tewes vermietet zu haben.

Der will auf rund 1.000 Quadratmetern nicht nur einen neuen Coffee-Fellows-Store unterbringen, sondern weitere Food-&-Beverage-Mieter dazu holen. Im Gespräch sind Campus Suite und Sando & Ichi aus Hamburg sowie Make aus Düsseldorf. Insgesamt könnte Platz für sechs bis acht Anbieter sein.

Soviel Ausprobierlaune in allen Ehren: Ein Selbstläufer wird das nicht. Tewes braucht nur mal die Betreiber des Alternativ-Shoppingcenters Bikini in der Berliner City West zu fragen, wo der im Januar 2018 eröffnete Foodcourt Kantini im Obergeschoss zwar mit einem Best-of Berliner Gastro-Erfolge samt Blick ins Affengehege des daneben gelegenen Zoos glänzt – aber eben auch mit stark schwankender Frequenz zu kämpfen hat. Reisende in Richtung Cube aus dem Hauptbahnhof wegzulocken, wo die Bahn das Angebot an schnell Verzehrbarem mit der Station-Food-Eröffnung gerade erst mächtig ausgebaut hat, dürfte auch nicht so leicht sein. Warum sich Coffee Fellows überhaupt als Foodcourt-Anbieter versucht, anstatt das eigene, leicht in die Jahre gekommene Konzept weiterzuentwickeln, bleibt erstmal das Geheimnis der Münchner.


TECH

McDonald’s vereinheitlicht digitale Bestellwege

„Ich glaube, dass neue Technologien, die das Geschäft ursprünglich mal unterstützen sollten, wesentlich zu dessen Wachstum beitragen werden“, hat Kevin Ozan, Chief Financial Officer von McDonald’s kürzlich gesagt. Um nämlich zu erklären, warum die Burgerkette kontinuierlich in neue Kanäle investiert. Gerade hat McDonald’s für 300 Millionen US-Dollar das auf maschinelles Lernen spezialisierte israelische Start-up Dynamic Field übernommen. Dessen Technologie soll dabei helfen, Menü-Angebote in den Restaurants und im Drive-Thru automatisch an Wetter und Tageszeit anzupassen. Außerdem haben sich die Amerikaner beim Anbieter Plexure eingekauft, der Kunden per App individuelle Angebote aufs Smartphone pusht, Treueprogramme und mobiles Bestellen ermöglicht.

In der Berichterstattung hat das ordentlich für Wirbel gesorgt, vor allem wohl, weil Übernahmen bei McDonald’s sonst ähnlich selten sind wie vernünftige Angebote für Vegetarier. Eigentlich handelt es sich aber nur um die Untermauerung der bereits bekannten Strategie (bzw. im Fall Plexure um die Gelegenheit, eine Konkurrenzausschluss-Klausel zu vereinbaren).

Das gilt auch für Deutschland: Im vergangenen Oktober wurden die ersten Restaurants hierzulande an das neue Mobile-Order-&-Pay-System angeschlossen (siehe holyEATS #19). Seit März sollen Burger und Fritten in allen rund 900 der bislang zu „Restaurants der Zukunft“ umgebauten deutschen Filialen per Smartphone-App bestellbar sein. Im Laufe des Aprils werde es noch einige Nachzügler geben, heißt es aus München; in jedem neu umgerüsteten „Restaurant der Zukunft“ gehört Mobile Order & Pay künftig automatisch zum Standard. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Bedienoberfläche der Bestell-Terminals in den Restaurants in den kommenden Wochen optisch an die der App angepasst wird, um den Wiedererkennungseffekt zu stärken, vor allem aber natürlich: um Kunden leichter zwischen den Kanälen wechseln zu lassen. McDonald’s kann das auch deswegen nur recht sein, weil die Bons bei digitalen Bestellungen tendenziell höher sind als an der regulären Kasse.

Insgesamt gibt es Mobile Order & Pay bereits in 22.000 McDonald’s-Restaurants. Reibungslos verläuft die Digitalisierung deswegen aber nicht: Zuletzt hatten sich in den USA mehrere Franchise-Nehmer zusammengeschlossen, um gegen den von der Zentrale vorgegebenen Zeitplan zur Modernisierung zu protestieren. McDonald’s-CEO Steve Easterbrook musste daraufhin das Tempo drosseln.

In Deutschland sieht sich die Fastfood-Kette derweil mit einer anderen Herausforderung konfrontiert: Nach dem Verkauf von Foodora, das für McDonald’s hierzulande das Lieferangebot organisierte, wird man höchstwahrscheinlich im laufenden Betrieb zu Lieferando als neuem Partner wechseln müssen. Der hat bereits den Wettbewerber Burger King unter Vertrag, wirbt derzeit massiv für diese Kooperation – und dürfte sich damit bei McDonald’s-Deutschland-Vorstandschef Holger Beeck nicht sonderlich beliebt machen.

Hilft aber nix: McDonald’s globaler Delivery-Partner UberEats ist (bislang) nicht in Deutschland aktiv, die einzige Alternative Deliveroo nur in wenigen deutschen Großstädten vertreten. Es wird sehr interessant zu beobachten sein, ob Lieferando die beiden Systemwettbewerber unter einen (Liefer-)Hut kriegt.


Nachschlag

  • Das neue Frühjahrs-Menü von Pret bietet mehr Auswahl für Flexitarier und erstmals „open-faced sandwiches“. [Das heißt Stulle, Clive, Stulle!] (Pret, Independent)
  • Um Kunden Milka-Osterprodukte nachhause zu bringen, hängt Lieferando seinen Kurieren lilafarbene Osterkörbchen an die E-Bikes und zwingt sie wochenends zur Arbeit im Hasenkostüm? (Mondelez)
  • Nicht zu vergessen: „pizza.de ist jetzt Lieferando.de“, per Umleitung von der Hauptseite – Lieferheld und Foodora sollen „bald“ folgen. (pizza.de, Takeaway.com)

Titelfoto: holyEATS