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holyEATS #33: Lieferando erstümpert sich die Digital-Marktführerschaft, Vegan-Hype legt weiter zu, Uber Eats erklärt Geschäftsrisiken

9. Mai 2019

DELIVERY I

Takeaway.com-Chef gibt Keine-Ahnung-Interview

Es ist erst ein paar Wochen her, dass Takeaway.com die deutschen Marken des früheren Wettbewerbers und jetzigen Anteilseigners Delivery Hero weggeputzt hat. Aber langsam wird sichtbar, mit welchem Dilettantismus sich die Nummer eins im kontinentaleuropäischen Markt für digitales Lieferessen in das Milliarden-Abenteuer gestürzt hat. Das liegt nicht nur (aber schon sehr) an dem – sagen wir: erstaunlichen Interview, das Takeaway.com-CEO Jitse Groen Gründerszene.de gegeben hat, und das man gleichzeitig sympathisch und erschreckend naiv finden kann. Sympathisch, weil Groen zwar erfrischend offen über Unsicherheiten in der Geschäftsentwicklung redet – aber vor allem naiv, weil er damit nicht den Anschein vermittelt, dass es in Amsterdam und Berlin einen Businessplan gibt, der über das hinausgeht, was Takeaway.com schon auf einen Bierdeckel – Pardon: in seinen Jahresbericht notiert hat: Nummer eins im Markt werden, von Synergien profitieren, weiter in Werbung investieren – zack, erfolgreich (siehe holyEATS #29).

Auf die Frage, mit welchem Wachstum man nach dem Zusammenschluss in Deutschland rechne, sagt Groen: „Eigentlich habe ich im Moment keine Ahnung. Wir wissen es nicht. Wir schließen etwas zusammen, von dem wir nicht wissen, wie das Ergebnis aussehen wird.“ Ja, gut. Da wäre ich als Anleger – insbesondere nach der Kapitalerhöhung vom Januar – natürlich voll und ganz beruhigt, in den richtigen Laden investiert zu haben. Zumal der Chef, der sich im vergangenen Jahr bzw. vor dem Delivery-Hero-Deal noch mit den Worten zitieren ließ, man nähere sich „schnell der Profitabilität“, inzwischen über den Zeitpunkt fürs Geldverdienen meint: „Das kann ich nicht sagen – auch, weil ich es nicht weiß.“ Jetzt müssen erstmal die 450 zusätzlichen Mitarbeiter, die Takeaway.com in Deutschland übernommen hat, in ein neues Büro in Berlin gequetscht werden. (Vermieter, bitte melden!) Und mit Personalfragen sei man sicher noch „einige Monate“ beschäftigt, so Groen. Da bleibt natürlich nicht so irre viel Zeit, sich auch noch ums lästige Hauptgeschäft zu kümmern – dieses Essenliefern an Leute, die zu faul zum Telefonbestellen sind.

Sonderlich professionell wirkt das Gestümper, mit dem die Niederländer hierzulande in die endgültige Digital-Marktführerschaft gestolpert sind, eher nicht. Dass Daten der Kund:innen von Foodora, Lieferheld und Pizza.de angeblich nicht zu Lieferando übertragen würden, wie Takeaway.com zunächst behauptet hatte (siehe holyEATS #31), war falsch, räumt das Unternehmen im Nachhinein ein. (Und zwar ernsthaft mit dem CEO-Zitat: „Es herrscht Chaos im Unternehmen und die Teams wissen nicht alles voneinander.“) Mit Datenschutzangelegenheiten scheint sich in Amsterdam niemand so richtig beschäftigt zu haben. Groen schulterzuckt das weg, und behauptet: „Die Technik ist erledigt.“ Weil die Plattformen inzwischen allesamt auf Lieferando weiterleiten. Um zu merken, wie wenig das der Realität entspricht, muss man sich bloß die zahlreichen Beschwerden von Kundinnen und Kunden im Netz ansehen. Oder das eigene Social-Media-Team fragen, das im Akkord auf Kommentare von Besteller:innen antwortet, die ihre früheren Lieblingsrestaurants von Foodora auf der Lieferando-Plattform nicht mehr finden. Andere ordern Essen und werden anschließend vom Restaurant kontaktiert, weil ihre Bestellung nicht bearbeitet werden kann, da die Zustelladresse außerhalb des Lieferradius liege – obwohl die App anderes angezeigt hat. Das Geld ist trotzdem erstmal weg: Vorauszahlungen per PayPal oder Kreditkarte müssen anschließend vom Lieferando-Kundenservice zurückgeholt werden. (Und das kann dauern.)

Für einen Dienst, der seinen Kunden eigentlich verspricht, alles einfacher und bequemer zu machen, ist das ein ziemliches Durcheinander. Auf holyEATS-Anfrage erklärt Sprecher Joris Wilton: „We are not aware of any exceptional issues following the migration.“ Na, dann ist ja alles wunderbar!


FOODTRENDS

Fleischfressende Pflanzen(burger) an der Börse

Gerade mal anderthalb Wochen ist es her, dass hier im Newsletter ein ausführlicher Überblick zur Mainstreamisierung von veganem Fast Food erschien (siehe holyEATS #32). Seitdem haben sich die fleischfressenden Pflanzen(burger) aber so stark weiter ausgebreitet, dass sich schon wieder ein Update lohnt. Bereit?

1.) Beyond Meat, das pflanzliche Burger-Patties produziert, die in Textur und Geschmack Fleisch ähneln, ist an der Börse eingeschlagen wie ein Sojablitz und wird aktuell mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet. Der amerikanische Fleischkonzern Tyson Foods hat sich derweil als Investor verabschiedet, um eigene Fleischersatzprodukte auf den Markt zu bringen.

2.) Wettbewerber Impossible Foods ist mit seinen Fast-Fleisch-Burgern so erfolgreich, dass die Produktion nicht mehr hinterher kommt. Gastronomen bunkern die Alternativbuletten auf Vorrat, weil sie sonst schneller gegessen als geliefert werden. Zugleich hat Burger King bekannt gegeben, seinen „Impossible Whopper“ bis zum Jahresende in über 7.000 amerikanischen Restaurants anbieten zu wollen, und wäre damit auf einen Schlag der größte Abnehmer von Impossible Foods. (Falls denen nicht das Häm ausgeht.)

3.) Wo so ein Food-Trend ist, kann Möbelhausessen-Trittbrettfahrer Ikea natürlich nicht weit sein – und will künftig zusätzlich zu seinen Veggie Balls auch Köttbullar aus pflanzenbasierten Proteinen anbieten, die „wie Fleisch aussehen und schmecken“ sollen. Erste Tests sind frühestens für Anfang des nächsten Jahres geplant. Aber groß ankündigen kann man den Spaß ja schon mal.

4.) Und Leser haben darauf hingewiesen, dass der in der vergangenen Ausgabe angeteaserte neue Burger-Anbieter Vedang eher nicht , wie im Text behauptet, die zweite systemgastronomische Pflanzen-Burger-Anstrengung Berlins darstellt; schließlich ist Vincent Vegan aus Hamburg nach dem Foodtruck-Start schon im vergangenen Herbst in der neu eröffneten East Side Mall im Osten der Hauptstadt aufgeschlagen. Sorry für die Unterschlagung. (Die vielen Indie-Burger-Pioniere sind davon ohnehin ausgenommen.)


DELIVERY II

Uber Eats verrät die Risiken seines Geschäftsmodells

Apropos Börsengang: Der des amerikanischen Taxischrecks Uber steht ja auch noch an. Im dazu gehörigen Börsenprospekt hat das Unternehmen schon mal zahlreiche Interessantheiten zum Geschäftsmodell seiner Lieferessen-Tochter Uber Eats verraten (die auch aus europäischer Sicht relevant sind).

Zum Beispiel zu saisonalen Fluktuationen des Geschäfts, das vor allen in den Wintermonaten floriert und in den Quartalen zwei und drei einen Dämpfer erhält. „We expect these seasonal trends to become more pronounced over time as our growth slows“, heißt es dazu. Ein „signifikanter Anteil“ der Umsätze von Uber Eats stammt zudem von einer „begrenzten Zahl an Restaurantketten“; das verstärke das Risiko von Umsatz-Fluktuationen. Und zwar womöglich schneller als gedacht: Medienberichten zufolge überlegt McDonald’s, seinen Exklusiv-Deal mit Uber Eats als fast-weltweitem Lieferpartner aufzukündigen, um auch mit regionalen Anbietern zu kooperieren. Das könnte aber auch bloß eine geschickt gestreute Information sein, um niedrigere Gebühren auszuverhandeln. Die drücken schon jetzt auf die Margen bei Uber Eats, das geringere „take rates“ als im Vorjahr meldet – „as we have onboarded large-volume restaurants at a lower service fee“. An Träumen fehlt es dennoch nicht: Der Uber-Ableger ist zuversichtlich, sich am (angeblichen) 2-Billionen-Markt für Restaurantessen eine dicke Scheibe abschneiden zu können, „weil immer mehr Kund:innen sich dazu entscheiden, Lieferessen nachhause zu bestellen“. Außerdem will Uber Eats „einen Teil der Ausgaben für Lebensmittel im Supermarkt“ zu sich umlenken. Und last but not least plant man in „neue Märkte zu expandieren“ – nachdem man sich diesseits des Atlantiks gerade erst noch aus welchen verabschiedete (siehe holyEATS 27#).


Nachschlag

  • Vapiano hat die Veröffentlichung des Jahresabschlusses auf den 24. Mai verschoben, um weiter mit Banken über eine Refinanzierung zu verhandeln. (Kölnische Rundschau)
  • Nach Flat White und Cold Brew kommt jetzt Espresso Tonic in den Kaffeeketten-Mainstream, zum Beispiel bei Caffè Nero. (Eater London)
  • Und ein 11-Dollar-Pastrami-Sandwich kostet in der Zubereitung 11,25 Dollar? (Instagram)

Titelfoto: Uber Eats