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holyEATS #8: JAB baut ein internationales Kaffeeketten-Imperium, Balzac wird zu Espresso House, Comeback für Fastfood-Ikonen

5. Juni 2018

KETTEN

Pret, Panera & Co.: Eine schrecklich baguette Familie

Wieviel Kaffee ist zuviel Kaffee? Vier Tassen pro Tag gehen in Ordnung, sagt die EU. Die dreifache Menge ist schon hochgefährlich, warnt die amerikanische Food and Drug Administration. Und die deutsche Milliardärsfamilie Reimann meint: Zuviel Kaffee? Gibt’s gar nicht! Nicht jedenfalls, wenn man ausreichend belegte Brote und süße Krapfen dazu reicht. Genau daran arbeitet die Reimann’sche Investmentfirma JAB Holding mit Sitz in Luxemburg seit 2012: Sie kauft sich ein internationales Koffein-Imperium zusammen, bestehend aus Kaffee- und Brotsnack-Spezialisten.

In der vergangenen Woche gab der Finanzivestor Bridgepoint die britische Kette Pret A Manger zur Adoption durch JAB frei. (Für 1,5 Milliarden Pfund, schätzt die „Financial Times“.) Die Übernahme soll im Laufe des Sommers erfolgen (PDF). In Europa begnügte sich JAB bislang mit Baresso Coffee (Dänemark) und Espresso House (Schweden). Der eigentliche Schwerpunkt der Shoppingtour lag in den USA. Dort wurden in den vergangenen beiden Jahren u.a. Krispy Kreme Doughnuts und Panera Bread eingekauft. Außerdem gehört neuerdings der Softdrink-Konzern Dr. Pepper Snapple zur Familie.

An den finanziellen Mitteln für weitere Übernahmen mangelt’s JAB nicht. Bloomberg rechnet vor, dass die Holding bislang 30 Milliarden Dollar für ihr Koffein-Portfolio locker gemacht hat. (Und erklärt an anderer Stelle, wie der Konzern seinen Lieferanten ungewöhnlich lange Zahlungsziele von bis zu 300 Tagen abverlangt.)

Reich geworden sind Reimanns ursprünglich mit dem Reinigungsmittelhersteller Reckitt Benckiser. Deutlich interessanter als Calgon, Sagrotan und Clearasil scheinen dem JAB-Geschäftsführer Olivier Goudet inzwischen allerdings Panini, Baguette und Espresso.

Jetzt fehlt bloß noch eine erkennbare Strategie, mit der aus dem Marken-Sammelsurium tatsächlich ein schlagkräftiger Snack-Konzern geformt werden könnte – ohne dass sich die vielen Ketten gegenseitig in die Quere expandieren (siehe holyEATS #6). Größtes Problem dabei ist, dass sich viele JAB-Marken bislang im Wesentlichen auf einen Hauptmarkt konzentrieren und über die Landesgrenzen hinweg kaum bekannt geschweige denn etabliert sind. (Pret gehört da noch am ehesten zu den Ausnahmen.) Das zu ändern wird eine Mammutaufgabe – zumal JAB in Europa auf hochgradig zersplitterte Kaffee-Märkte trifft, in denen sich die Wettbewerbssituation von Land zu Land deutlich unterscheidet. (Hauptkonkurrent Starbucks bestätigt das auf Nachfrage sicher gern.)

Journalisten jubeln trotzdem, weil Reimanns das Zeug haben, Albrechts abzulösen – mindestens als „Deutschlands undurchsichtigste Milliardärssippe“, wie die „FAZ“ schon vor Jahren geheimnisbeschwipst jubelte.


COFFEESHOPS

Balzac testet Espresso-House-Verwandlung in Hamburg

Einen kleinen Ausblick darauf, wie’s bei der (ehemals) deutschen Coffeeshop-Kette Balzac weitergeht, lieferte in der vergangenen Woche der – man darf’s noch sagen: –frischgebackene Geschäftsführer Nikolas Niebuhr. Balzac hatte nach seiner Gründung 1998 in Hamburg kontinuierlich expandiert, bekam vor einigen Jahren allerdings die erstarkte Konkurrenz zu spüren und musste mehrere Läden schließen. Im vergangenen Jahr wurde die Kette an Espresso House verkauft (PDF). Und ist damit, gut aufgepasst!, der erste Stützpfeiler von JAB in Deutschland. An dessen Befestigung dringend gearbeitet werden muss.

Beim 3. Internationalen Gastro-Immobilien-Kongress 2018 von Heuer Dialog in Berlin verriet Niebuhr gerade, dass noch in diesem Jahr im Hamburger Stadtteil Altona das erste deutsche Espresso House eröffnet. Dazu werden voraussichtlich bis Ende des Jahres drei Hamburger Balzac-Coffeshops auf Espresso House umgestellt, um zu testen, wie das Konzept bei den Kunden ankommt. (Und ob weitere der insgesamt t 43 Läden folgen.)

Damit das gelingt, wird es kaum reichen, ein paar neue Möbel in die Läden zu räumen und draußen ein neues Schild anzuschrauben. Balzac hat über viele Jahre versäumt, sein arg beliebiges Angebot an Kaffee-Begleitsnacks so weiterzuentwickeln, dass man zumindest halbwegs mit dem Wettbewerb hätte mithalten können. Gut, dass der neue Chef weiß, wie’s besser geht: Niebuhr war zuvor als „Leiter strategische Projekte“ beim To-Go-Spezialisten BackWerk beschäftigt, der schon mehrfach seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat (siehe holyEATS #7).


DELIVERY

AmRest macht Burger King, Pizza Hut und KFC fit fürs Liefergeschäft

KFC, Pizza Hut, Burger King und Starbucks – kennen Sie alle. AmRest kennen Sie nicht? Dabei hat es sich das polnische Unternehmen ganz unbescheiden zum Ziel gesetzt, mit besagtem Best-of an Fastfood-Marken bis 2022 zum führenden Schnellrestaurantbetreiber in Europa zu werden. Stark sind die Polen, die in großem Stil Lizenzen bei den amerikanischen Markeneigentümern erwerben, bislang vor allem in ihrem Heimatmarkt, wo 462 der europaweit über 1.600 Läden geöffnet sind. Aber das könnte sich schnell ändern. In nur vier Jahren hatte AmRest die Zahl seiner Restaurants, in denen eimerweise frittiertes Hähnchen, Whopper und Fantasie-Frappuccinos verkauft werden, zuletzt (u.a. durch Übernahmen) verdoppelt. Alleine für 2018 stehen 300 Neueröffnungen auf dem Plan, die Mehrheit davon zum Ende des Jahres.

Ebenfalls beim Gastro-Immobilien-Kongress gab Jerzy Tymofiejew, AmRest’s Chief Development Officer, gerade erfrischend ehrlich zu, dass Marken wie Pizza Hut und KFC in Ländern wie Frankreich oder Deutschland bei den Kunden nicht gerade das beste Image genössen. Gleichzeitig ist Tymofiejew aber felsenfest davon überzeugt, das ändern zu können und die Klassiker als „fresh brands“ neu zu positionieren. Mit modernen Ladendesigns. Vor allem aber mit dem Ziel, „the industry’s iPhone-moment“ erfolgreich zu nutzen – und im Wettstreit um das schnellste Lieferessen ganz vorne mitzuspielen.

Im Schnitt sollen fertige Bestellungen ein Restaurant bereits nach acht Minuten verlassen und spätestens 30 Minuten nach der Order beim Kunden zuhause ankommen. Um das hinzukriegen, kann sich Tymofiejew vorstellen, unter anderem mit KFC auch auf reine Delivery-Standorte in B-Lagen zu setzen. Im Grunde ist die AmRest-Strategie eine Wette darauf, dass klassisches Fastfood entgegen zahlreicher Behauptungen und Trends nicht zwangsläufig gesünder, besser oder variationsreicher werden muss; sondern bloß zuverlässiger zu den Kunden gebracht werden, bei denen Pizza und Burger nach wie vor hoch im Kurs stehen.

Ob das ausreicht, um auch im Kaffeegeschäft erfolgreich zu sein? Vor zwei Jahren hat AmRest sämtliche deutschen Starbucks-Filialen übernommen. Bald soll es auch mal mit der Expansion losgehen: 20 Neueröffnungen sind für Deutschland geplant. So spontan fiele mir jetzt aber niemand ein, der dem sehnlichst entgegenfiebern würde. Ihnen?


Nachschlag

  • 13 Jahre nach der ersten Eröffnung will das Frankfurter Systemgastro-Konzept Coa endlich zum Asia-Vapiano werden und sammelt dafür Kapital von der Crowd ein. (Kapilendo)
  • Die Lautstärke der Musik in einem Restaurant hat wesentlichen Einfluss darauf, ob Gäste gesundes oder ungesundes Essen bestellen? (Food & Wine)
  • Es ist Sommer in Fastfoodhausen: Burger King stanzt Donut-Burger, KFC verschenkt seinen Gründer als Schlauchboot. (YouTube, PR Newswire)

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Titelfoto: Alesia Kazantceva/Unsplash"