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holyEATS #25: Ikea liefert Fleischbällchen, Unklarheiten vor der Delivery-Hero-Übernahme, JAB bündelt Kaffeeketten unter Pret Panera

23. Januar 2019

DELIVERY I

Die dritte Expansionswelle in der Lieferessen-Logistik rollt

Erst standen Restaurants ohne eigenen Lieferservice im Fokus. Kurz darauf waren die großen Fast-Food-Ketten dran. Die dritte Expansionswelle der Lieferessen-Logistiker wird nun angeführt von: Bäckern, Möbelhäusern, Supermärkten.

Seit zwei Wochen liefert Ikea aus seiner Filiale in Groningen Köttbullar & Co. nachhause und kooperiert dafür, natürlich, mit dem niederländischen Lieferando, Thuisbezorgd.nl. Es ist nicht das erste Mal, dass der Konzern seine Fleischbällchen auf Reisen schickt: Ende des vergangenen Jahres kamen Nutzer des Bestelldiensts Uber Eats testweise bereits in London in den – nun ja: Genuss des mobilen Möbelhausessens, das in seiner natürlichen Umgebung immer schon kalt ist, wenn es nach der Befreiung aus metallenen Warmhaltebottichen durch die Kassenschlange transportiert wurde. Aber aus unerfindlichen Gründen trotzdem Kultstatus genießt. (Zu unrecht.)

Stefan Kroes, Möbelhausleiter in Groningen, lässt sich in der Pressemitteilung damit zitieren, dass man „zugänglicher für Kunden“ sein wolle: „Sie können Möbel und Accessoires online bestellen, warum dann nicht testen, ob das auch mit unserem beliebten Essensangebot möglich ist?“ Ganz einfach, Stefan: Weil Ikea seinen schwedischen Kantinenfraß bislang vorrangig dafür eingesetzt hat, Besucher an den Stadtrand zu locken, damit sie sich in den dort errichteten Möbelhangars vor oder nach dem Streit um das Billigsofa mit einem Glutamatschub für die selbst auferlegten Strapazen belohnen können.

Das Food-Angebot war stets elementarer Bestandteil des Ikea-Erlebniskonzepts. Aber die Zeiten ändern sich: Mit mehreren Jahren Verspätung hat selbst Ikea inzwischen begriffen, dass das bisherige Geschäftsmodell nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Deshalb eröffnet die Kette zunehmend Click-&-Collect-Stationen und Bestellshops in Innenstadtlagen. Wo oft zu wenig Platz bleibt zum Essenaufwärmen. Da ist es schon aus Marketing-Gründen konsequent, Kunden die vertrauten Fleischbällchen direkt zukommen zu lassen.

Wenn der Test erfolgreich sei, könne man sich eine Ausweitung auf andere Städte vorstellen. Was aber bloß sinnvoll ist, wenn Ikea daran glaubt, dass Bestellern wirklich völlig schnuppe ist, ob das Möbelhausessen noch in essgerechter Temperatur bei ihnen ankommt. In Groningen liegt das Möbelhaus untypisch innenstadtnah, mit dem Fahrrad braucht die Bestellung bloß acht Minuten in die City. Wenn der Essenskurier anderswo erst Ewigkeiten ins Industriegebiet radeln muss, können Besteller ihre Kottbüllar auch gleich tiefgekühlt einkaufen und selbst in den Ofen schieben.

Bei den Lieferdiensten sind die zusätzlichen Partner dennoch aufs Herzlichste willkommen, weil sich dadurch die Auswahl bekannter Marken auf der Plattform weiter steigern lässt – ebenso wie (möglicherweise) die Umsätze. In London holt Deliveroo seit kurzem auch Backwaren von Gregg’s, der größten Bäckereikette Großbritanniens, ab. (Vorerst in drei Testfilialen, u.a. am Londoner Strand, wo das Deliveroo-Känguru stolz die Frontscheibe schmückt.)

Und in Amsterdam hat die Supermarktkette Albert Heijn ihr Lieferangebot für To-Go-Artikel (siehe holyEATS #22) inzwischen auf warme Mahlzeiten ausgedehnt, die nicht nur per Thuisbezorgd.nl, sondern auch über Deliveroo geordert werden können. Gekocht wird in einer eigenen Küche nach Rezepten der „Allerhande Kookt“-Plattform mit mindestens 200 Gramm Gemüse, verspricht die Handelskette. In den Supermarkt müssen die Kunden dann zwar nicht mehr. Aber immerhin lassen sich auf diese Weise Abschriften vermeiden, indem z.B. Zutaten aus den Läden, die nah am Mindesthaltbarkeitsdatum sind, aufgebraucht werden. Kann eigentlich bloß eine Frage der Zeit sein, bis sich BackWerk, Kamps und Rewe hierzulande überreden lassen, auch mal ein bisschen modern zu sein.


DELIVERY II

Bundeskartellamt prüft Prüfung des Delivery-Hero-Deals

Vielleicht ist’s dieses scheinbar unerschöpfliche Potenzial an immer neuen Essenszubereitern, die Takeaway.com-CEO Jitse Groen kürzlich zu der Feststellung veranlasste, er sehe im deutschen Liefermarkt immer noch „reichlich [Möglichkeiten für] Wachstum“ (PDF). Die Äußerung bezieht sich auf die geplante Übernahme des deutschen Geschäfts des bisherigen Konkurrenten Delivery Hero, zu der auch einen Monat nach der Ankündigung (siehe holyEATS #23) noch erstaunlich wenige Details vorliegen.

Gegenüber diversen Medien (u.a. NGIN Food) hat Takeaway.com bereits bestätigt, dass die Delivery-Hero-Marken Lieferheld, Pizza.de und Foodora – wie vermutet – verschwinden werden. Anders gesagt: das Magenta auf den Straßen deutscher Großstädte weicht spätestens zum Sommer noch mehr Orange. (Was das für die unterschiedlichen technologischen Systeme heißt, auf denen Lieferandos Scoober und Foodora bislang aufsetzen? Unklar.)

Wenn man den Zahlen für den deutschen Liefermarkt, die Bloomberg mit Verweis auf Dalia Research meldet, Glauben schenken darf, würde das erstarkte Lieferando künftig auf 98 Prozent Marktanteil kommen. (Die übrigen zwei blieben bei Deliveroo.) Zum einen ist besagte Studie aber bereits vom August 2017; und zum anderen ist’s gut möglich, dass das trotzdem kein Grund wäre, die Fusion noch zu stoppen. Weil der Markt für Lieferessen schwierig abgrenzbar und im Vergleich zu den übrigen Ausgaben für Lebensmittel verhältnismäßig klein ist.

Der „Wiwo“ erklärte der frühere Vorsitzende der Monopolkommission, Daniel Zimmer, dass die Transaktion seiner Meinung nach „kein Fall für eine schnelle und unkonditionierte Freigabeentscheidung“ sei. Das Bundeskartellamt prüft aber auch vier Wochen nach der Ankündigung noch, ob überhaupt eine Anmeldepflicht für die Übernahme vorliegt. Und kann auf Anfrage „leider keinen Zeitrahmen nennen“, in dem diese Prüfung einer möglichen Prüfung abgeschlossen sein könnte.

In drei Wochen will Takeaway.com bei der Bekanntgabe seiner Zahlen fürs vergangene Jahr weitere Details zum Ablauf bekannt geben. Derweil ist Deutschland auch ohne die in Aussicht stehende Bestellverdoppelung zum wichtigsten europäischen Markt für Takeaway.com geworden: In den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres wurden erstmals in einem Quartal mehr Bestellungen als im Heimatmarkt verzeichnet (was sich spätestens seit dem Frühjahr abzeichnete).


KETTEN

Espresso House und Caribou Einstein komplettieren Pret Panera

Bei JAB, der Investmentholding der deutschen Unternehmerfamilie Reimann, ist der langjährige Vorstand Bart Becht gerade überraschend in den vorzeitigen Ruhestand befördert worden. Die Hintergründe dazu beschreibt anschaulich die „Wirtschaftswoche“. (Kurzfassung: Becht wird der massive Wertverfall beim zu JAB gehörenden Kosmetik-Riesen Coty angelastet.)

In den Medienmeldungen über die personellen Änderungen (PDF-Pressemitteilung) ist ein bisschen untergegangen, dass JAB auch die Strukturen für die Verwaltung der übernommenen Unternehmen umbaut. Das betrifft vor allem das Coffeeshop-Geschäft, das in die neu gegründete Pret Panera Holding verlagert wird. In der sind nicht nur die beiden namensgebenden Ketten zusammengefasst, sondern – wie ein Sprecher auf holyEATS-Nachfrage bestätigt – auch das zusammengezogene Caribou Einstein (Kaffee und Bagel).

JAB Beech – die Holding, unter der ein Großteil der Kaffeeketten-Aktivitäten bislang zusammengefasst war – wird es nicht mehr geben. Zudem wird Espresso House, das sich gerade von Skandinavien nach Deutschland ausbreitet (siehe holyEATS #24) und in der eigenen JAB Coffee Holding firmierte, PretPanera zugeschlagen. Und zwar „mit sofortiger Wirkung“, wie es heißt. PretPanera.com ist bereits registriert, aber noch nicht aktiv. Peet’s Coffee und Krispy Kreme (Donuts), die bislang ebenfalls Teil von JAB Beech waren, scheinen auf der Getränke-Plattform um Dr. Keurig Pepper untergekommen zu sein zu sein. (Was zumindest mit Blick auf das zuletzt genannte Unternehmen allenfalls mittellogisch scheint.)

Die Managements der einzelnen Ketten bleiben weiter für ihr jeweiliges Geschäft zuständig. Jacek Szarzynski wird sich bei JAB als neuer Lead Operating Partner für Pret Panera um den „langfristigen Erfolg“ der vier Marken kümmern. (Und womöglich darum, Synergien zwischen ihnen zu schaffen?) Mit welchen Prioritäten bzw. Überschneidungen sich die Ketten künftig in denselben Märkten ansiedeln werden, wird jedenfalls hochinteressant zu beobachten sein.


Nachschlag

  • Deliveroo hat’s vorgemacht, die App AtYourGate will Reisenden am Flughafen künftig überall Lieferessen an den Warteplatz bringen, damit niemand mehr anstehen muss. (Fast Company)
  • Vapiano hat seine US-Tochter an einen Franchisepartner verkauft, der auf Personalausgliederungen in der Immobilien- und Baufinanzierungsbranche spezialisiert ist – und neuerdings: auf Pasta. (Handelsblatt)
  • In Großbritannien will Pizza Express sein erfolgreiches, aber in die Jahre gekommenes Konzept modernisieren: mit einem Frühstücksangebot. (Eater London)

Titelfoto: Inter IKEA